Die Reise nach Jerusalem

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…oder nach Tel Aviv – Ben Gurion Airport

Tag 1 / Der Ankunftstag:

Es war ein schöner Junimorgen im frühsommerlichen Berlin. Bereits um 3 Uhr stieg ich nach wenigem Schlaf, auf, um den Flug um 7.20 Uhr nicht zu verpassen.
Die Reisetasche hatte ich bereits abends zuvor gepackt, aber sie war, wie immer,  zu voll, bzw. zu schwer für den Inhalt und so riss das Gewebe auf dem Weg zur frühmorgendlichen U-Bahn.
Was nun tun? Es verzögerte durch diesen Zwischenfall nun alles um ca. 1 Stunde.
Ich eilte mit der kaputten Tasche zurück, wo schon nach und nach alles rausfiel und schmiss den gesamten Inhalt ungeordnet in einen Reisekoffer. Es erwies sich im Laufe der folgenden 8 Tage auch als völlig unsinnig für alle Eventualitäten vorgesorgt zu haben, denn ich brauchte dort weder eine Jacke, noch ein drittes paar Schuhe. Und auch das siebte und achte T-Shirt waren überflüssig, es waren fünf davon zu viel. Ich nehme auf Reisen zudem meinen Schlafsack mit und sogar ein Campingkopfkissen.
Auch mein Rucksack, als Handgepäck, war bis oben hin gefüllt. Da ich keine Zeit mehr hatte die Flaschen vom Handgepäck in den Koffer umzulagern, gingen gleich 4 Weinflaschen mit an Bord. Das ging durch die unerwartet lasche Kontrolle und hat bei Easyjet offenbar auch Niemanden gestört.

Tel Aviv am Morgen

Ankunft 11.20 Uhr. Die Schriftzeichen und Erklärungen in Israel waren größtenteils in hebräischer und arabischer Schrift, mitunter gab es auch lateinische Schriftzeichen und eine englischsprachige Erklärung.
Ich fuhr mit der Regionalbahn in das Zentrum und nach einigem Suchen in der Nähe des Zielbahnhofes um den Block herum fand ich das kleine Hostel „Little Tel Aviv“. Ich hatte dort einen Schlafsaal mit vier Betten gebucht. Die Unterkunft war eng, schlicht, sauber, modern, aber auch laut.
Klimaanalage und hupende Autos hörte man durch die ganze Nacht hindurch. In der Nacht wurde ich dann des Öfteren wach, wenn einige der Zimmermitbewohner von ihrer Party zurückkamen.

Tel Aviv präsentierte sich nach meinen ersten Eindrücken als laute und verbaute mitunter schmuddelig-schmutzige Dritte-Welt-Stadt mit Kontrastwahrnehmungen an jeder Ecke und weniger als eine weiße Stadt im Bauhausstil, wie im Reiseführer beschrieben. Die Orientierung war einfach, denn ich brauchte immer nur die Allenby Street entlang zu laufen, um zur Strandpromenade oder zum berühmten Basar zu gelangen. Das üppig ausgebaute Nahverkehrsnetz nutze ich nicht, denn ich bin gut zu Fuß und konnte gerade noch alles ablaufen. Die kilometerlange Strandpromenade ist sehr weitläufig, wie in einem spanischen Touristenort und ist von einem mehr oder weniger geschmacklosen Hochhausgürtel gesäumt. An den Straßenlampen hingen noch Regenbogenflaggen, da ich am Wochenende kurz nach dem Christopher Street Day eintraf.
Ich dachte die Stadt passt zur schwulen Kultur, viele Kerle liefen gebrandmarkt, als Zeichen ihrer Sexualität, mit einem sichtbaren und mehr oder weniger geschmacklosen Oberarmtatoo herum, so wie ich es aus Berlin seit mehreren Jahrzehnten kannte und glauben immer noch hip zu sein. Auch diese Stadt ist heiß, mal dreckig und schmuddelig, selten mondän, und wie auf der ganzen Welt vom Einheitsstil geprägt, vom modischen Lifestyle gehypt, des Weiteren wird der Eindruck nach 3 Tagen monoton und vielerorts vom Leben und Treiben widersprüchlich, wie der ganze Nahe Osten.

Tag 2 / Zurechtfinden in Israel

Entlang der  Allenby Street, vorbei an den vielen Bausünden der letzten Jahre, ging ich zum Carmel Markt, dem größten Obst- und Gemüsemarkt in Tel Aviv.  Dort sind ebenso viele Imbisse, kleine Lokalen und Cafés, Falafel- und Schawarmastände oder mit Käse, Tomaten oder Spinat gefüllte Backwaren, die frisch aus dem Ofen serviert werden, sowie fertige Mischungen, die es für Salate, Reis mit Nüssen und Trockengemüse gibt und orientalische Gewürze gibt es an jeder Ecke.

Unterhalb des Basars beginnt die lange Strandpromenade mit der Skyline der Stadt. Die Strandabschnitte sind sehr sauber und gepflegt, mit Duschen, Schattendächern und Fitnessmöglichkeiten.
Viele Radfahrer sind mit elektronisch angetriebenen Bikes unterwegs und Jogger laufen mit freiem Oberkörper die Promenade hoch und runter. Überhaupt scheint Sport großgeschrieben zu werden. Kein Wunder in einem Land, wo man drei Jahre im Militär gedrillt wird.
Selten habe ich so viele athletische Menschen gesehen, wie in dieser Stadt, obwohl manche auch ein bisschen blutarm aussahen. Das liegt aber wahrscheinlich an der koscheren Kost oder an der Hitze.

Tag 3 / Tel Aviv-Jaffa

Früh morgens auf dem Weg nach Tel Aviv-Jaffa, dem historischen Stadtteil der zweitgrößten Stadt Israels, sah ich den arabischen Strand, wo verhüllte Frauen mit ihren Kindern im Meer spielten und daneben bis auf die Badehose ausgezogene Männern und Touristen lagen. Hier gab es keine vorgelagerten Steinaufschüttungen als Wellenbrecher und das Meer war wilder als vor den Hotelstränden.
Man denkt sich wohl Araber sind es nicht Wert, vor den Naturgewalten geschützt zu werden, die manchmal doch stärker sind.

Jaffa hat einen kleinen Hafen mit Fischerbooten. Bis auf die neue Markthalle waren noch viele Lokalitäten geschlossen. Hier spielt sich wohl erst ab abends das Leben ab. Ich ginge durch pittoreske Gässchen hoch auf den Hügel, von wo man einen weiten Blick über den weitläufigen Strand und das türkisblaue Meer hatte. Von dort ging ich von Strandabschnitt zu Strandabschnitt bis zum Gordonstrand, wo ich dann erschöpft zwei Stunde in der Sonne bei über 30° schlief und mit einem Sonnenbrand aufwachte, trotz meiner vorgebräunten Haut. Das türkisblaue und warme Meer fällt hier sanft ab und der Sand ist fein. Das war ein großes Risiko, nicht wegen der intensiven Sonneneinstrahlung, sondern weil heutzutage überall geklaut wird und ich ständig meine Dokumente mit herum trug, wie den Reisepass und die Kreditkarte. Man weiß ja nie, was kommt und was, wo passiert. Ich werde erfahrungsgemäß immer schnell in Etwas, wie Schlägereien oder Konflikte verwickelt.
Am Abend habe ich dann erstmals an einem israelischen Imbiss ein Schawarma nach tagelangem hungern gegessen. Ich will jetzt nicht sagen wegen Ramadan (so begründe ich das nur immer!). Das blutarme Fleisch, welches traditionell ausgewaschen wird, schmeckte etwas trocken, aber durch die schmackhaften Zutaten aus verschiedenen Salaten und Kichererbsen Paste, umhüllt im Teigmantel, war die schnelle Mahlzeit wieder essbar und auch schmackhaft. Mit dem Schawarma in Berlin konnte das zusammengesetzte Teil allerdings nicht ganz mithalten. Das galt auch im Nachhinein für die anderen Speisen.
Allerdings war ich auch auf Diät (wie so oft) und wollte auch kein Geld für teures und mittelmäßiges Essen ausgeben.
Im Hostel war das kleine Frühstück am Morgen mehr als dürftig und ich würde diese Notmahlzeit nicht nur als einfach, sondern als mangelhaft bezeichnen. Es sollte auch die Herbergsbetreiber nix kosten, denn ein Hostel ist eine Durchgangsherberge.

Tag 4 / Tel Aviv Abreise, Ankunft in Jerusalem

Allerorts ist die Kunst die Selbstorganisation und sich nicht auf die Auskunft von Taxifahrern und Gewerbetreibenden einzulassen, denn sonst bekommt man das Teuerste und Schlechteste für seinen Geldbeutel, besonders als deutscher Tourist, angedreht. Das ist im ganzen arabischen Raum ähnlich und kennen wir auch zuhause.
Ich ging deshalb tags zuvor zu einem baulichen Ungetüm, durch das afrikanische Viertel – das gibt es dort auch – hin zu dem Zentralen Omnibusbahnhof und buchte mit meinem verhältnismäßig schlechten englisch für meine Weiterfahrt nach Jerusalem ein günstiges Ticket. Die Frau am Schalter konnte noch nicht einmal englisch, aber pfiffig, wie ich bin, habe ich gesehen, dass die Busse täglich halbstündlich in die Hauptstadt des Landes fuhren.

Vom Dach dieses verwahrlosten Betonmonstrums mit größtenteils bedrohlichen und dunklen Aufgängen fuhren die Fernbusse in alle Richtungen ab, so auch nach Jerusalem.
In ca. einer Stunde war ich schon dort.

Jerusalem liegt hoch und der Bus fuhr durch eine Brücke hindurch, die von dem spanischen Architekten Calatrava gestaltet wurde und über die neue Stadtbahn Jerusalem führt, sozusagen als neues Tor zur heiligen Stadt. Kurz dahinter kam ich am Omnibusbahnhof im Westteil an; Ein Betonmonstrum noch schrecklicheren Ausmaßes, als wovon ich gerade zuvor erst her kam. Die haben hier kaum sauren Regen und bei uns wäre das schon verwittert und müsste abgerissen werden. Vielleicht fliegt nachts mal eine Fassbombe aus Syrien drauf, dann kann man erleichtert neu planen, dachte ich. In der Verwüstung liegt ja die Zukunft von Architekten und Ingenieuren. Man denke nur an die Nachkriegszeit und hier die 70er Jahre, die sich in Israel bis zum neuen Jahrtausend offenbar fortgesetzt haben.

Sofort kam mir ein lästiger Araber entgegen, geschäftstüchtig, wie sie sind,  und wollte mich zunächst, wegen angeblich verstopfter Straßen (Rush Hour ist immer!), zum Toten Meer fahren. Ich wollte aber umgehend zu  meiner Unterkunft und nicht in diese kaputte Salzlandschaft unter Erdniveau, wo ich mich danach noch verklebter fühlen würde als zuvor.
Ich wich ihm aus, er war gleich beleidigt und zeigte mir den Stinkefinger, und ging zur Stadtbahnhaltestelle Jerusalem.
Ich kannte mich nicht aus und wusste nicht, wo ich hin musste. Meine Unterkunft lag im Zentrum Ost, der Altstadt, und ich dachte, die Straßenbahn wird schon diesen zentralen Bezirk zumindest streifen und dort hinfahren. So war es dann auch. Nach einigen Erkundigungen half mir eine sehr nette junge Frau bis zu meinem Ziel vor dem Jaffa-Tor weiter. Das Jaffa-Tor ist eine der vielen Zugänge durch die komplette umgebende Altstadtmauer und zugleich der Eingang nach Ost-Jerusalem, dem Teil, der eigentlich zu Palästina gehört. Kontrollen gibt es an dieser Demarkationslinie keine, da dieser Stadtteil von allen Konfliktparteien beansprucht wird.

Kurz hinter dem Jaffa-Tor angekommen, erkundigte ich mich bei der Polizei über den Weg zum Petra-Hostel in der David-Street. Er sagte: „Look them straight on. It stands in front of you“

Endlich war ich angekommen und ich hatte ein kleines, sehr bescheidenes eigenes Zimmer, direkt hinter dem Eingang zur Altstadt. Ich ging nach dem einchecken die haupte Längsstraße, die David-Street entlang, die ein einziger Basar ist, wie übrigens alle Altstadtgassen, bog in die Querstraßen ein und sah von oben zum ersten Mal die Klagemauer und hoch darüber strahlte in der Sonne die  goldene Kuppel des Felsendoms, „The Dome of the Rock“ , gleich daneben die Al Aksa Moschee ,die touristischen Highlights und heiligen Stätten des Judentums und des Islams.
Ein verbohrter, aber höflicher Rabbiner bot sich an mir alles zu zeigen, aber Schleimer, die mich zunächst hofieren, um etwas zu wollen,  mochte ich noch nie und ich wollte diesen Augenblick alleine erleben, ohne so eine Klette an meiner Seite.
Hinunter, kurz vor der Klagemauer war ein großer freigeräumter Platz, wo früher mal das marokkanische Viertel stand, welches man abräumte, um Platz zu schaffen, u.a. für  eine Sicherheitsschleuse mit Taschenkontrolle. Tausende Gläubige und Personen aus aller Welt strömten zur Klagemauer, Männer und Frauen sind in getrennten Bereichen links und rechts mit Zugängen zur Klagemauer, Kinder haben auch einen eigenen Mauerabschnitt. The Western Wall stellt für viele Juden ein Symbol für den ewigen, bestehenden Bund Gottes mit seinem Volk dar. Grundsätzlich ist der Zugang auch für Nichtjuden problemlos möglich. Fotografieren innerhalb des abgesteckten Bereiches unmittelbar vor der Mauer ist im Allgemeinen erlaubt, aber nicht gerne gesehen.
Ich selbst habe das Zeremoniell als Nicht-Jude nicht direkt mitgemacht, da ich keiner Religion angehöre, berührte aber die Mauer mehrmals, da ich sehr gerne klage und die Mauer dazu nutzte, nicht um zu beten. Wer erhört noch meine Worte?
Danach ging ich erleichtert zurück und genoss die Abendsonne auf der Dachterrasse meiner Unterkunft.
Fazit: Klagen hilft und fortan war ich jeden Tag morgens und abends dort.

Tag 5 / Ost (Old)-Jerusalem, Petra Hostel 
 

Läuse, Kakerlaken, Ratten…man weiß ja nie in so einem Land, was einem erwartet, abgesehen von den ganzen Bakterien und Keimen an der Klagemauer und dem Fußpilz den man sich in den Moscheen holt, wenn die Schuhe ausgezogen werden müssen. Um nicht beklaut zu werden, schlief ich im Schlafsack zusammen mit meinen ganzen Wertsachen. Dass dort mal eine Rakete über den Himmel flog, das störte mich weniger, denn die Altstadt wird verschont bleiben, dachte ich mir. Zu anfangs war ich noch so naiv und glaubte, wie ich auf der Dachterrasse saß, ich würde eine funkelnde Sternschnuppe sehen, ein Willkommenszeichen Gottes, dass ich nun in der heiligen Stadt angekommen war, aber nach einem Knall in der Ferne vermutete ich etwas Anderes.
Meine sehr schlichte Unterkunft sah aus wie ein Mix aus einer Herberge und einem Unterklassen-Hotel aus den 20er Jahren, was versäumt wurde zu renovieren. Dadurch hatte es aber einen alten muffigen Charme, lag sehr zentral und hatte den schönsten Blick über die Stadt, den man sich denken kann. Die sanitären Verhältnisse waren mehr als schlicht, aber in solchen Ländern habe ich nicht allzu große Ansprüche, nach europäischen Maßstäben. So war die Dusche regelmäßig überschwemmt und ich griff auch öfters selbst zum Putzlappen und Schwamm.
Es gab sogar Analduschen, was mich im arabischen Raum sehr freut, denn nicht nur Schönheit, sondern auch Reinheit, kommt von innen.
Die Dachterrasse des Petra-Hostels war ein einfach befestigtes Dach mit Dachpappe und ein Aufbau im 5. OG, diente als Frühstücksraum.
Von dort hatte man morgens, mittags und abends einen herrlichen Blick über die Altstadt und manch einer schlief dort sogar (Einmal gab es sogar ein Gewitter. Man munkelte vom Fluch Gottes!). Das Frühstück war einfach, nach arabischer Gepflogenheit, aber immerhin so ausreichend, dass ich den ganzen Tag nichts weiter zu essen brauchte. Das Hostel stand unter Leitung von arabischen Israelis. Dieser Bevölkerungsteil sind keine Palästinenser.

Am längsten Tag meiner Israelreise hatte ich ein langes Programm. Ich besuchte die Altstadt und die heiligen Stätten und umrundete den Tempelberges entlang der Mauer. Hinter dem Tempelberg befindet sich am Fuß des Ölbergs der Garten Gethsemane. Hunderte von Bussen, mit Touristen, strömten in diese mediterrane Gartenanlage aus frühchristlicher Zeit. Zwischen den Bäumen erkennt man die Kirche aller Nationen, im Hintergrund die russisch-orthodoxe Maria-Magdalena-Kirche. Rechts davon liegt der Zentralfriedhof von Jerusalem.
Ich umrundete den Tempelberg und sah die ferne Kultstätte von unten:
„Gepriesen sei der, der mit seinem Diener (Mohammed) bei Nacht von der heiligen Kultstätte (Mekka) nach der fernen Kultstätte (Jerusalem), deren Umgebung wir gesegnet haben, reiste …“ Koran: Sure 17, Vers 1 – Die Al Aksa Moschee.

Am südlichen Eingang der Stadtmauer „Zions Gate“ ging ich durch das amerikanische Viertel vorbei am dort Heiligsten, nämlich an McDonalds (Burger umgerechnet 11 €!), in Richtung Western Wall, dann durch den Western Tunnel (Klagemauertunnel) quer durch die Altstadt, bin in die Via Dolorosa eingebogen und ging den Leidensweg Jesu von Nazareth benannten Prozessionsweg entlang, sozusagen auf den Spuren von Jesus bis zu seinem Tod. Ich ging zur Grabeskirche oder Kirche vom heiligen Grab von Jesu, die  zu den größten Heiligtümern des Christentums gehört. die Kirche ist äußerlich ziemlich in die umgebende Bebauung verbaut worden und im Innenraum von der Architektur zunächst nichts Besonderes, aber darum ging es auch nicht; die Grabeskapelle ist angeblich der überlieferte Ort des Grabes Jesu. Ein weiterer bedeutender Ort ist der Salbungsstein hinter dem Eingang der Kirche, wo der Leichnam für die Bestattung vorbereitet worden sein. Dort begegnete ich einem wahren Blitzlichtgewitter, wie jämmerliche Frauen, aber auch Männer, sich über diesen Speckstein beugten und sich dabei in mehr oder weniger dramatischen Szenen aufnehmen ließen (auch ich folgte diesem Spektakel).
In der engen Grabeskapelle wäre das so nicht möglich gewesen, denn dort kommt man nur nacheinander rein. Dort ganz alleine über den sterblichen Überresten von Jesus habe ich mich nicht einmal verbeugt. Warum auch? Es sah doch keiner. Wären 10 Kameras auf mich gerichtet gewesen, dann hätte ich wahrscheinlich auch geheult. Aber so in Szene gesetzt habe ich mich hier nicht.

Das Klagen kannte ich bereits. Jetzt kam das Flennen noch hinzu.
Ich besuchte diese Stätte mehrmals, da diese 5 Minuten von meiner Unterkunft zu Fuß entfernt lag.
Da man die reale Grabstätte im Umkreis nicht mehr genau lokalisieren kann, hatte ich mir sogar eingeredet, ich würde über den Gebeinen von Jesus schlafen und wäre nun dadurch selbst geheiligt. Achim, ein Prophet der Neuzeit würde schon zu mir passen. Botschaften kann ich genug vermitteln: Von meiner Agenda 2016 bis hin zur Agenda 2222.

Meine Abreise musste baldmöglichst organisiert werden und der Gedanke quälte mich bereits, denn am Rückreisetag, dem Sabbat/Samstags ruht der gesamte öffentliche Nahverkehr, wie kaum in einem anderen Land der Welt. Ich ging deswegen über das Damaskustor zu dem Omnibusbahnhof Ost im palästinensischen Teil der Stadt, da lediglich Taxis an diesem Samstag zum Flughafen fuhren, so wie man mir allerorts sagte. Das sogenannte arabische Taxi war bedeutend günstiger und so organisierte ich dort dieses Sammeltaxi für den Abreisetag.
Frühzeitig und erschöpft ging ich an diesem ereignisreichen Tag ins Bett und postete noch meine Bilder und Erlebnisse in Instagram und Facebook.

Tag 6 / West-Jerusalem

Entlang, außerhalb der Stadtmauer, ging ich in die Neubauviertel, die sich baulich an den steinernen Fassaden der Altstadt anglichen. Mediterrane Gärten und unglaublich viele Parkanlagen unterbrechen die bauliche empfundene Monotonie. So hat ich mir Jerusalem nicht vorgestellt.
Das Stadtbild im Westen hat Hauptstadtflair. Jerusalem ist in weiten Teilen eine saubere Stadt, im Gegensatz zur zweitgrößten Stadt Tel Aviv und geradezu schick, besonders im Westteil. Der palästinensisch besetzte Teil, ganz im Osten, ist dann die Schmuddelecke. Wen wundert’s? Aber von dieser großen Minderheit im eigenen Land grenzen sich jüdische Israelis durch Mauern, Stacheldraht und Bewachung ab, in den neueren Siedlungsinseln, die auf der Westbank immer stärker bevölkert werden, Palästinensern den Lebensraum nehmen, und die man schon mit dem bloßen Auge vom Dach des Hostels in der Ferne sehen konnte.

Das Auf und Ab in der hügeligen Stadt war so anstrengend, dass ich an diesem Tag bis zu 20 km bei 33° Außentemperatur lief und immer noch nicht mein Ziel erreichte: die Knesset, das israelische Parlament, in einem großen Stadtpark.
Die ganze Route – und ich hatte mich auch verlaufen –  musste ich auch noch zurücklaufen, da ich mich mit dem Stadtbussystem gar nicht so viel auseinandersetzen wollte. Ich fahre auch nicht so gerne Bus. Erfahrungsgemäß dauern alle Wege länger und ich blieb oft einfach an einem Ort sitzen, wo es mir gefallen hatte. Da bin ich in meinen Planungen nicht so rigide, wie ich es sonst zumeist in Berlin bin.
Nach einer langen Lauftour entspannte ich mich am Abend im Hostel, am Platz davor und beendete den Abend, wie im Laufe der Tage gewohnt durch einen Gang durch die Altstadt, vorbei an den vielen kleinen Geschäften mit dem Touristenkitsch, über den man geradezu hin stolperte auf dem Altstadtpflaster; das Jesuskind war auf jeden Teller gedruckt und musste für alles herhalten, was noch ein Euro oder Scheckel (die israelische Währung) in die Kassen bringt. Jesus hat der Menschheit viel gebracht, vor allen Dingen spült er heute noch Geld in die Kassen, dachte ich, und habe mich deswegen in der Grabeskirche noch einmal verbeugt.

Jerusalem ist nicht nur ein heiliger Ort, Schmelztiegel und Konfliktzentrum der Religionen, sondern auch ein Tummelplatz des (Klein)-kapitals. Und da sind alle wieder beieinander, wie das neudeutsch heißt.

Tag 7 / Ramadan und Sabbat

Ich ging durch die nahegelegenen Shopping-Malls der City in West-Jerusalem, die auch nicht viel anders aussehen, wie die in Berlin. Überall spielten Jazzbands und belebten das Stadtbild in einer Stadt, wo zum Feiertag selbst Bahnbrücken zu Fußgängerzonen umfunktioniert werden.
Entlang der Jaffa-Street, die im Zuge der Stadtbahn 2010 neu – mit Straßenmöbelierung gestaltet wurde, kam ich zurück, durch das gleichnamige Tor nach Ost-Jerusalem.
17 Uhr war bereits kurz vor dem jüdischen Sabbat, zugleich war Freitag, muslimischer Feiertag und Beginn des Ramadans. So war jede Menge los in der Altstadt.
Es herrschte ein hohes Aufgebot an Polizisten in Kampfanzügen und ich sollte schon gar nicht mehr reingelassen werden ins historische Zentrum, aber ich wählte nun bewusst Monate zuvor diese Unterkunft an diesem Standort. Wenn es um meine persönlichen Ziele geht kann ich mich auch als Muslim, Christ oder Araber ausgeben, wie hierzulande zum Fasching, mit entsprechendem Kopfschmuck.
Allerdings wirke ich als Araber nicht so überzeugend und deswegen kam ich auch nicht auf den Tempelberg; Als Jude mit der Kippa auf dem Kopf schon. Christen spielen kaum Relevanz, außer als neugierige oder jämmerliche Touristen.
Am Nachmittag bestimmten in den engen Gassen Muslime das Straßenbild, die auf dem Weg zur Al Aksa Moschee auf dem Tempelberg waren.
Am Abend verschwand das Kopftuchgeschwader und es folgte das Perückengeschwader.
Tausende Rabbiner, mitunter junge Männer, in schwarzen Anzügen und Kutten strömten durch die David-Street, bogen rechtsum zur Klagemauer ab, wo sie sich zu Tausenden auf dem Platz davor sammelten. Ich mischte mich darunter und zog ebenfalls zu diesem heiligen Ort der Juden.
Große Feste fanden dort statt. Polonäsen wurden getanzt. Klagen kann auch ein Grund zum feiern sein, dachte ich. Einige junge Leute standen hinter einem Pult mit einer Schrift und wackelten beim Ablesen der Texte mit dem Oberkörper immer vor und zurück. Abgesehen davon, dass die nicht nur einen Haltungsschaden bekommen, sondern schon einen anderen Schaden mit sich tragen, nämlich den, das geschriebene Lehrstück allzu Ernst zu nehmen, erinnerte mich das ein wenig an die Büttenreden der Mainzer Fastnacht, aber es war ja auch eine Fastnacht, denn es war Fastenzeit.

 

Nach einiger Zeit ging ich zurück und verbrachte wieder eine Stunde auf der Dachterrasse meiner Unterkunft, des Petra Hostels, bevor ich mich zeitig bettete, denn bereits um 2.30 Uhr morgens geht es täglich los mit dem Gesang, der über der Stadt verbreitet wird und wird zum Gebet gerufen von Moscheen, Synagogen; die Kirchenglocken läuten danach. Das geht an einem Stück bis 7 Uhr morgens durch, und den Sound hatte ich noch wochenlang nach dieser Reise im Ohr und wird mich wohl ein Leben lang verfolgen.

Tag 8 / Abreise mit Rückenwind

Es war mein letzter Blick vom Dach des Petra Hostels. Meine Koffer hatte ich bereits gepackt und die standen an der Rezeption. Vor dem Jaffa-Tor, unmittelbar vor dem Hostel, holte mich das arabische Taxi an der Bushaltestelle zum Airport ab, wobei es noch zu einem Zwischenfall kam, weil ich mich zu weit von meinem Koffer entfernt hatte und eine Frau schon deswegen die Polizei voreilig verständigte. Ich konnte den Konflikt jedoch ersticken.
Nachdem der Kleinbus kam, und noch einige Touristen in Jerusalem abgeholt wurden, ging es zum Ben Gurion-Airport.
Ben Gurion ist ein Flughafen im Allerwelts-Stil, teuer, ohne markantes Gesicht, mit einem Springbrunnen in der Mitte, von dem in der Mitte des Terminals das Wasser von oben als Vorhang in ein Becken herab regnet, vielleicht etwas Besonderes in einem regenarmen Land oder der Alltagskitsch eines mittelmäßigen Architekten, um etwas Stimmung in dieser Öde zu erzeugen. Das Gebäude ist ein weiteres der unspektakulären modernen Protzbauten Israels, die mir im Laufe der Tage so auffielen. Das Prädikat „architektonisch wertvoll“ tragen im gesamten arabischen Raum weitestgehend nur antike Bauten.

Ich wurde zunächst, wie üblich, vor dem Check-In kontrolliert.
Überflüssigerweise wurde ich gefragt, warum ich denn Israel bereiste, und nicht Italien oder Spanien, wo Deutsche doch immer so gerne hinfahren.
Auf diese blöde Frage, antwortete ich flapsig in meinem schlechten englisch: „Sie machen überall in den Medien, wie dem Fernsehen, Werbung und wundern sich, wenn Leute aus Deutschland nach Israel reisen? Dann sollten Sie Ihr Werbespots im arabischen Fernsehen schalten, vielleicht in ihren Nachbarländern. Sind Ihnen diese Touristen tatsächlich hier lieber?“
Daraufhin kam der Vorgesetzte von diesem kleinen Wichtigtuer und ich musste noch einmal einen banalen Fragebogen über mich ergehen lassen, bevor man mich auf dem Weg nach Deutschland entließ und weiterschleuste.
Ich wechselte das Terminal und wurde mit dem Flughafenbus zum Terminal 1 gebracht. Von diesem Hauptterminal wurde ich bereits gerade vor einer Stunde erst zu dem Kontrollterminal 3 gefahren. Ich pendelte also mehrmals hin und her und wurde mehr befragt, als kontrolliert.

Kein Land der Welt ist so privilegiert, drei Tage der Woche zu feiern, den öffentlichen Nahverkehr an einem Tag gänzlich einzustellen und devisenbringende Touristen, wie verdächtige Terroristen zu behandeln.
Aber wer große Teile der eigenen Bevölkerung schlecht behandelt, überall Bedrohungen vermutet, der ist Fremden gegenüber skeptisch.

Berlin in der Nacht

Mit Rückenwind kam der Flieger um eine Stunde zu früh in Berlin an, was äußerst selten ist.
Ich sah im Dunkeln die Landebahn des BER (denn die wird bereits schon länger genutzt für den Flughafen Berlin-Schönefeld).

Ich merkte gleich, wie perfekt alles in Deutschland ist:

Das WC am Airport war verstopft, die vorletzte Bahn hatte ich gerade entgegen dem Fahrplan verpasst und der Bankautomat war defekt, sodass ich ohne Euros verspätet nachhause fuhr und dabei hoffte nicht im Bus oder in der U-Bahn, wo der Automat auch defekt war, kontrolliert zu werden.
Das war’s und das Wetter war in Berlin kühl, zumindest regnete es nicht.
„Eine Reise mit Hindernissen“ war zu Ende, und ein Kraftakt, aber ohne die gewohnt gepflegte Langeweile an den südländischen Küsten Europas mit den aus den bekannten Bildern schmierbäuchigen Couchpatatoes und aufgetakelten Wohlstandsschicksen im Liegestuhl mit einem Cocktail in der Hand, oder einer Bierbembel.

Allah, sei Dank oder hierzulande: Sei Dank. Alaaf!

 

  • Achim
      AchimAdministrator

      Achim Biebricher
      Berlin| Potsdam| Taunusstein

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